Interviews 
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New Musical Express 7.7.1973 (gif image 117 kb). Sammlung Rainer Mutzberg
FAZ 2.3.1997 (gif image 56 kb). Sammlung Rainer Mutzberg
Arndt Peltner für Radio Goethe
Hans Joachim Irmler für "Faust"
Faust sind Kult. Egal von welcher Seite man sich an die Band heranwagt, die deutschen Krautrocker sind einfach nicht so leicht einzuordnen. Faust ist das musikalische Utopia, in dem alles möglich ist. Seit nunmehr dreißig Jahren ziehen sie die Fans und Kritiker in ihren Bann. Ihnen fehlt der große Plattenerfolg, ihnen fehlt der Hit in den Charts und dennoch, ohne Faust wäre die Musikszene um vieles ärmer. Niemand sollte glauben, Faust im Vorbeigehen begreifen zu können. Die Band lebt vom Experiment, vom Schwimmen gegen den Strom, von der musikalischen Kreativität in einer genormten Plastikgesellschaft. Faust Alben sind klangreiche Erlebnisse, die immer wieder neue Nischen und Ecken offenbaren. In San Francisco gehören die Urväter des Krautrocks zu den ganz Großen und werden nach wie vor von Hörern auf KUSF und Radio Goethe verlangt. Mit ihrem jüngsten Album “Ravvivando” beweist die Band noch einmal, dass Krautrock nicht nur ein Phänomen der frühen 70er war, sondern vielmehr ein Genre ist, das unbeeindruckt vom Kommerz seinen Platz im Rock-Olymp inne hat.
Radio Goethe sprach mit Faust-Gründer Hans Joachim Irmler über Werdegang und Zukunft der Band:
Faust gelten in den USA neben Kraftwerk als die bedeutendste deutsche “Rock”-Gruppe. Woran liegt das Deiner Meinung nach?
Das ist nicht leicht zu beantworten. Man muß sich einfach mal die Musik anhören, vielleicht findet man dann selber die Lösung. Im Grunde ist das eine Frage, die ein Kritiker beantworten sollte und nicht jemand wie ich, denn ich bin einfach nur ein Musiker.
War Krautrock damals wirklich eine Bewegung der deutschen Musiker oder war es mehr ein Produkt der ausländischen Medien?
Nein, es war tatsächlich eine Bewegung vorwiegend deutscher Musiker. Das war in einer Epoche, in der sich in Deutschland viel abgespielt hat. Deutschland war damals am Ender der 60er so eine Art Schmelztiegel geworden und man hat überall mitgekriegt was in der Welt passiert. Und daraus ist bei einzelnen Individuen das Bedürfnis entstanden, etwas neues zu kreieren. Das ist dann von einigen wenigen Musikern tatsächlich auch gemacht worden. Es waren längst nicht soviele, wie man heutzutage hört. Aber die, die das gemacht haben, da gehören bis zum heutigen Tag eben Faust dazu und die sind damit eigentlich glücklich geworden und ich finde das eine tolle Geschichte. Dass es ein bißchen verkannt wird, das wird irgendwann einmal die Zeit zeigen, ob es richtig oder nicht richtig ist.
Mitte der 70er Jahre wurde es still um Euch. Und dann habt Ihr Euch Ende der 80er wieder zurückgemeldet. Warum gab es diese Pause?
Man muß es einfach so verstehen, wir haben sehr heftig in dieser Zeit agiert. Tourneen und Aufnahmen, das powert einen natürlich auch aus, da ist es einfach notwendig, dass man sich auch mal besinnt, dass man wieder reflektiert, was man gemacht hat, wo man herkommt, wo man hin will, ob das noch alles in sich stimmig ist. Man braucht da wirklich so eine Off-Time, um den Kopf überhaupt wieder füllen zu können.
Was mich mal interessieren würde, wer hat Euch anfangs musikalisch beeinflußt?
Hmm, also die Basis liegt in Europa. Also ich komme aus Europa und Europa hat mich geprägt. Da gehört alles mögliche dazu. Ich will nicht von den Höhlenbewohnern sprechen, aber zumindest, was das Mittelalter uns gebracht hat, dann nicht zuletzt mein Erzfeind Bach, dem ich viel zu verdanken habe, aber den ich auch im selben Maße kritisch sehe. Dann Mahler, Schönberg, Grieg, um mal die klassische Seite zu benennen. Aber natürlich auch modernere Bands. Ich bin hauptsächlich von den englischen Bands berührt gewesen. Da fallen mir die Yardbirds ein, Softmachine und nicht zu vergessen die Monks, die ich jetzt durch einen glücklichen Zufall wiederentdeckt habe. Die haben mich 1967 durch ungeheuere Vitalität beeindruckt. Die sind auch in Hamburg angesiedelt gewesen, dass ist also eine deutsch-amerikanische Geschichte gewesen, die nicht in Vergessenheit geraten sollte.
Ich sprach vor kurzem mit Brian McNellis von Cleopatra Records und er meinte, dass es ohne Faust und Kraftwerk die moderne Industrial- und Elektroszene nicht gebe. Wie fühlst Du Dich als Großvater dieses Genres?
Also ich persönlich fühle mich klasse. Wie fühlt man sich wohl als Großvater?
Faust haben nun ein neues Album veröffentlicht. Kannst Du etwas zum musikalischen Verlauf von Faust sagen, also, wie hat sich die Musik, der Inhalt der Texte im Laufe der Jahre verändert?
Man will ja nicht stillstehen. Man ist jeden Tag neuen Einflüssen ausgesetzt, zum Glück und davon existiert der Mensch ja überhaupt. Früher war ich vielleicht mehr überrascht vom Ergebnis der Arbeit, heute ist das zum Glück nicht mehr so, sondern heute weiß ich, wie ich das finde, was ich suche von Beginn her. Und ich habe gleichzeitig mehr Spielraum, mehr Events passieren zu lassen, das ist fantastisch.
Ich habe mal in einem Artikel gelesen, dass Ihr Anfang der 70er sehr mit der radikalen politischen Bewegung in der Bundesrepublik verflochten gewesen seid. Wie weit ging diese Verbindung und seht Ihr Euch heute noch als politische Band?
Ja, ich sehe mich sehr wohl als politisch, ich bin politischer denn je. Und ich meine, es ist auch gar nicht möglich, sich nicht politisch zu empfinden. Ich meine, es gehört das Bewußtsein dazu, aber alle Äußerungen, die man nach außen bringt sind ein Politikum. Das ist für einen anderen gedacht und ist daher von Bedeutung. Und die ganze Faust Musik ist als kritischer Akzent gedacht, als Gegenpol für Bestrebungen, die vielleicht im Augenblick mächtiger erscheinen, aber ich möchte nicht, dass das vergessen wird, dass es auch andere Methoden gibt. Die Welt muß vielfältig bleiben.
Faust ist zweifellos über die Jahre eine Kultband geworden und dennoch habt Ihr nie die großen Plattenverkäufe erreicht. Sehr Ihr Euch mißverstanden?
Nein, also ich bin nach wie vor der Meinung Kult und Kommerz vertragen sich recht schlecht. Und in diesem Sinne ist es schon in Ordnung.
Wenn Du zurückblickst, würdest Du in Eurer Karriere etwas anders machen?
Nein, nicht wirklich.
Welche Pläne gibt es für Faust in den kommenden Jahren?
Also im Moment läuft die Entwicklung um die neue Ravvivando. Und dieses Projekt verfolge ich natürlich mit großer Spannung. Im Oktober steht eben jetzt auch eine US-Tour an, mit Konzerten an der Ostküste und auch einem Konzert in San Francisco. Und am Ende des Jahres werden wir noch nach Japan gehen.
[© Arndt Peltner, August 1999]
GR: Carsten Agthe für die GERMAN ROCK NEWS
JI: Joachim Irmler - FAUST
GR: Wurde der Bandname zur Gründung von FAUST Anfang der 70er als Bestätigung der eigenen deutschen Identität in einer von anglo-amerikanischen Vorbildern besetzten Szene gewählt?
JI: Wie Du das formulierst, ist natürlich etwas problematisch. Tatsächlich gab es in der damaligen Zeit wenig deutsche Identität zu finden. D.h. zu finden schon, aber es gab mehr oder weniger nur Big Bands, die die Musik von amerikanischen Kapellen nun endlich nachspielen durften, ob das nun Ralf Gregor oder James Last waren. Es gab auch diesen unsäglichen Ted Herold oder diesen schrecklichen Peter Kraus oder wen auch immer. Die haben nichts weiter gemacht als eben Klischees nachzuspielen. Und für uns war es natürlich wichtig, klar zu machen, in welcher Situation wir uns befanden und wir waren der Meinung, daß wir durchaus eine Herkunft haben und uns nicht zu verleugnen brauchten sowie daß die bestehende 'Szene', die angloamerikansche, so gut war, daß man sie weder nachmachen noch verbessern brauchte. Natürlich gibt es Beispiele im Jazz, einen älteren Titel zeitgemäß noch einmal nachzuempfinden oder eine interessantere Version einzuspielen. Aber daß man einfach nur versucht, die Beatles, die Rolling Stones, die Small Faces oder wen auch immer, nachzustellen, ist panelerhaft und dieses geschieht ja bis zum heutigen Tage. Das wollten wir jedenfalls einmal erstens nicht! Wir waren uns natürlich in einer gewissen Art im Klaren darüber, daß, ohne deutschtümeln zu wollen , Deutsch durchaus eine Tradition besitzt und wir eine Tradition haben, auf die wir uns berufen können. Ich meine, wir sind nun einmal keine Schwarzen, die das Leid durch den Blues ausdrücken, aber wir haben durchaus eine Geschichte. Wir haben doch nicht umsonst in der Schule tausend Sachen eingebleut bekommen. Deswegen waren wir der Meinung, daß man das auch zum Ausdruck bringen muß. Wir wollten das, was in uns drin ist, endlich einmal herauslassen. Und das ist gut genug, sollte man meinen, was aber bis zum heutigen Tag für einige Leute nicht so offensichtlich ist. Das ist aber egal. Das ist die Begründung, warum wir uns nicht zuletzt einen Namen gesucht haben, der diesen deutschen Gedanken auch widerspiegelt. FAUST bedeutet zum einen Arbeiterkampf, ist intellektuell und auch doppelschneidig. Dann waren wir auch sehr glücklich, als wir nach langem hin und her den Namen FAUST gefunden hatten. Ich finde, wir sind dem Anspruch des Namens auch gerecht geworden und es ist bis zum heutigen Tag eine Geschichte, die manchem auch ein Dorn im Auge sein mag. Offenbar haben wir in diesem Land und bei diesem Volk so ein Defizit an Anerkennung, daß es bis heute sogar verstärkt aufgetreten ist, daß man meint, man könnte Identität beweisen dadurch, daß man auch tatsächlich nachahmt und etwas macht, was aus Amerika kommt. Ich finde es sehr bedenklich wenn man beispielsweise in Deutschland auf die Oberschule geht, jeden Monat fettes Taschengeld einsteckt und sich für hunderte von Mark irgendwelche Bullshit Klamotten kaufen kann und dann rapt, daß man einem nicht noch, beispielsweise, die Butter vom Brot wegnimmt. Hip Hop ist für mich eine Protestform der Schwarzen in den Ghettos und nicht etwas, was man sich aus fehlender Bestätigung annehmen sollte.
Aber ich will es nicht negativ darstellen, sondern ich meine, daß das Hauptaugenmerk darauf zu richten ist, daß tatsächlich in Deutschland gute Sachen gemacht wurden, angefangen in diesen Endsechzigern mit den Studentenbewegungen, die letztendlich die Szene doch etwas belebt haben und aus dem Land das gemacht haben, was es heute ist. Da brauchen wir nicht nur über dunkle Kapitel zu reden, aber es ist doch ein guter Prozeß gewesen. In Deutschland finden durchaus musikalische und geistige Entwicklungen statt und wir brauchen nicht so zu tun, als ob wir gar nichts hätten. Und zu dieser Zeit ist wirklich etwas passiert, ein Zeitensprung hat stattgefunden, den wir bis zum heutigen Tage weder verarbeitet noch eingeholt haben.
GR: Wie wurde Polydor, eine doch eher konservative Plattenfirma, auf das Thema FAUST aufmerksam?
JI: Polydor wurde natürlich nicht freiwillig auf uns aufmerksam, da mußten wir schon gewissermaßen nachhelfen. Wir haben lange hin und her überlegt, da wir nicht selber imstande waren, zu Polydor einen Kontakt herzustellen und wir kannten auch keinen Menschen in diesem Metier. Aber wir haben dann durch Freunde einen Journalisten gefunden, der Hans Dampf in allen Gassen war, dem die Idee von und hinter FAUST gefiel. Und da er viele Leute kannte, hat er es auch geschafft, einen Kontakt mit Polydor herzustellen.
GR: War es damals typisch für deutsche Bands (Faust, Birth Control, Eloy...), im Ausland mehr Erfolg zu haben, als in Deutschland (der Prophet im eigenen Land...).
JI:Ich weiß nicht, wie das mit den anderen Bands war, aber wir haben uns recht früh aus den Umfeld von deutschen Bands, speziell denen aus Hamburg, distanziert, weil wir uns nicht von so einer Art Vereinsleben vereinnahmen wollten sondern uns mehr oder weniger autark entwickeln wollten. Das war ein Teil von dem Konzept, welches wir gefaßt hatten und was auch die Grundbedingung war, daß wir überhaupt etwas zusammen machen. Deswegen weiß ich auch gar nicht, was mit den anderen Bands war und bis zum heutigen Tag klafft da noch eine kleine Lücke bei mir. Aber das wir im Ausland mehr Erfolg hatten war vielleicht damit zu begründen, daß wir mit unserer Musik nicht dem Mainstream entsprachen, was damals auch nicht so brutal spürbar war wie heute. Aber sicherlich hat das überhaupt nicht in die deutsche Vorstellung gepaßt, das wir eben alles kaputt machten auf der Bühne. Und somit war es klar, daß Leute, die hinter dem Zeitgefühl hinterherhinken, mit unsere Musik nicht klarkamen und bis heute nicht klarkommen. Und irgendwie wird das, was wir machen, bis heute mehr oder weniger ignoriert und man weiß noch nicht einmal, daß es so etwas wie uns überhaupt gibt. Zum Glück wurden wir, Dank einiger unermüdlicher Musikenthusiasten, den Einen oder Anderen wieder ins Gedächtnis gerufen. In dem täglichen Medienspektakel wimmern unsägliche Gestalten einem die Ohren voll und Leute, die wirklich etwas gemacht haben was hörenswert ist, die werden weiterhin tapfer ignoriert.
GR: War das spektakuläre Outfit der ersten LP von FAUST nur als verkaufsstrategisches Argument gedacht? Denn unfraglich fand dieses Platte dadurch die meisten Käufer.
JI: Das spektakuläre Outfit unserer ersten LP war natürlich ein Produkt langer Überlegungen. Ich finde, das ging konform mit dieser Musik, die wir machen und wir mußten ein Produkt an den Mann bringen, der ein ästhetisches Empfinden hat. So sollte auch das Visuelle denjenigen ansprechen. Daß unsere erste Platte durchsichtig geworden ist, entspringt der Idee, daß wir klarmachen wollten, daß wir uns nicht auf irgend eine Sache stützen und berufen, die bekannt ist sondern eher aus dem Nichts kommen. Die zweite Platte haben wir dann ganz konträr gemacht, sie ist ganz schwarz, ohne Aufdruck oder sonstwas, die Informationen wurden draufgeprägt. Das war für uns so zu verstehen, daß die erste Platte doch fünf Jahre zu früh kam, so daß wir für die zweite den Grundgedanken des Mainstream etwas haben anklingen lassen. Und so hat eben jedes Cover von FAUST seine Bedeutung.
GR: Kann man FAUST als die Begründer des Industrial bezeichnen? Spätere Vertreter wie Throbbing Gristle sowie die Einstürzenden Neubauten berufen sich immerhin auf Euch als Katalysator für Ihre musikalischen Experimente.
JI: Ob wir die Begründer des Industrial waren, daß wissen die Götter und das mag sich ein Historiker ausrechnen, der hat mehr Zeit, sich solche Dinge zu überlegen. Sicher ist natürlich, daß wir Dinge zum Lärm machen wie Preßlufthämmer und Trennschleifer in einer Form benutzt haben, die vitaler war wie die Klangexperimente von Stockhausen oder wie sie ein Elektroniker jemals gemacht hätte. Ich sehe uns zwar in einer Linie mit diesen, aber in der musikalischen Umsetzung waren wir anders. Und in sofern kann es durchaus sein, daß wir irgend etwas mit Industrial zu tun haben. Für uns ist es jedenfalls eine interessante Geschichte, weil wir eigentlich für viele Musikrichtungen zurechenbar sind. Wenn man vom Zorn ausgeht, der unzweifelhaft schon immer Teil unserer Musik war, dann kann man uns auch dem Punk zurechnen. Das ist dann natürlich nicht der Punk, der sich 1976 entwickelt hat. Aber ich finde natürlich da viele Dinge wieder.
GR: Aus gut unterrichteten Kreisen wurde bekannt, daß FAUST sich demnächst des Themas Wagner annehmen werden. Wie soll dieses Konzept aussehen bzw. funktionieren?
JI: Ich finde, in diesem Rahmen ist Wagner auch eine ganz spannende Angelegenheit, so wie "Nosferatu" für uns eine spannende Angelegenheit war und ist. "Nosferatu" wurde von einem Künstler gemacht, der damals weit und breit allein dastand und er hat Dinge erfunden, die bis zum heutigen Tag Gültigkeit haben. Er war mit Sicherheit ein Wirrkopf auf eine Art und Weise und er hat mit spektakulären Übertreibungen gearbeitet. Wagner ist für uns eine Art Politikum und in dieser Richtung haben wir uns mit FAUST eigentlich schon immer bewegt. Wir waren zwar nicht auf textlicher Ebene politisch, sondern auf musikalischer. Denn meistens ordnet sich die Musik den Texten unter. Beispiele dafür waren in den 70er Jahren durchaus zu hören, die haben dann Blues- und Rock-Schematas gespielt, um dort ihre Texte zu transportieren. Bei Wagner ist es so, daß wir in ihm das letzte deutsche Kind sehen, weil Wagner eine urdeutsche Angelegenheit ist und auch bis zum Tod gepflegt wird. Ob das so gut tut, das ist eine andere Sache. Sicherlich ist Wagner immer noch eine ziemlich widersprüchliche Angelegenheit und der Reiz für uns liegt eben darin, in diesen Wunden oder Nichtwunden, d.h. Wunden, die noch ob dieses Themas entstehen werden , mit zu agieren. Es wird aber noch etwas bis zur Realisierung dieses Werkes dauern, da es eine recht komplexe Angelegenheit ist.
GR: Wie sind die FAUST'schen Klangexperimente aufgebaut. Folgt Ihr bei Euren Darbietungen einer festen Linie oder füllt Ihr feststehende Themen mit Improvisationen auf? (immerhin klingt keine Nosferatu-Inszenierung wie die Andere).
JI: Es ist natürlich so, daß wir uns nicht lumpen lassen und alle Möglichkeiten, die uns generell zur Verfügung stehen, auch nutzen. Wir würden uns, weil es vielleicht naheläge, nie nur auf eine Sache beschränken. Egal, ob man das Konzept erst entwickelt und dann ausarbeitet, oder erst spielerisch an die Sache herangeht oder eine Mischform aus beiden macht, nichts ist unmöglich. Wenn wir auf die Bühne gehen, ist das wieder eine andere Geschichte, wir möchten womöglich nichts wiederholen oder gar unsere eigenen Stücke nachspielen, das mögen gerne andere tun, solange uns noch etwas einfällt wollen wir das möglichst meiden. Die Konzerte sind von unserer Seite her ziemlich anstrengend, weil wir uns total fordern. Das bedeutet, daß wir die Dinge, die wir uns vorgenommen haben, auch ausarbeite wollen, das aber möglichst spontan, was aber in Einstimmung aller Partner, die du auf der Bühne hast, passieren soll. Dieses erfordert höchste Aufmerksamkeit, aber auch Erfahrung. Auch, wenn das manche Leute nicht sehen und hören mögen. Es wäre langweilig, wenn eine "Nosferatu"-Inszenierung so klingen würde wie die andere. Ich meine, dann könnte man genausogut eine Schallplatte dazu abspielen und so tun, als ob.
GR: Julian Cope definiert FAUST in seinem "Krautrocksampler" wie folgt: 'Es gibt keine mystischere Band als FAUST'. Wird es dem Anspruch von FAUST gerecht, mystisch zu sein?
JI: Mystisch? Ich weiß nicht, ob wir mystisch sind oder mystisch sein wollen. Ein Teilaspekt hinter FAUST war damals, daß wir sagten, daß es nicht entscheidend ist, was spielt, sondern der Gesamtklang und was dabei herauskommt von Bedeutung ist. Letzten Endes ist das bis zum heutigen Tag wirksam, man kann nicht wirklich wissen, ab das, was jetzt gerade wie eine Gitarre klingt, wirklich eine Gitarre oder doch ein anderes Instrument ist. Das ist auch nicht so unbedingt wichtig, weil es bei uns keine Solisten und auch keine Lieder gibt. Und insofern mag es jedem selbst überlassen sein, ob er hinter FAUST irgend etwas Mystisches sieht.
GR: Wie machte sich die 'bleierne Zeit', als FAUST in Verbindung mit der RAF gebracht wurde (da Gründer Uwe Nettelbeck zusammen mit Ulrike Meinhoff Anfang der 70er für das Magazin "Konkret") arbeitete, bei der Band bemerkbar?
JI: Ich kann die Zeit der studentischen Erhebung gegen den Staat nicht als 'bleiern' betrachten. Sicher ist natürlich, daß uns das geprägt hat. Das hat jeden, der etwas hell im Kopf war, mehr oder weniger beschäftigt und ich finde das richtig, daß man dieses auch zum Ausdruck brachte und eine Meinung zu dieser Sache hatte. Die Zeit Ende der 60er bis Mitte der 70er hat natürlich dieses Land geprägt, wenn man das auch heute mit Klischees belegen mag und man nicht mehr gerne darüber spricht, weil es natürlich ein Prüfstein war, wo das Individuum selber gefordert wurde, sich zu entscheiden, ob man das gut oder schlecht findet. Daß die Ursachen nicht in den Köpfen von Studenten lag sondern sich vielmehr jemand die Mühe machte und den Mut hatte, dieses bestehende System in Frage zu stellen. Das fand ich gut und es ist immer wieder gut und auch gesund für ein System und für einen Staat. Und ein Staat muß das auch zulassen und damit fertig werden. Es darf nicht nur Ja-Sager und Emblemträger geben, sondern auch Leute, die dagegen denken. Nun hat dieser Staat damals, wie es jeder Staat machen würde, heftigst darauf reagiert. Und die Konsequenz dieser Leute hat dann zu der Eskalation geführt, die viel Menschen unglücklich gemacht hat, vielen Menschen das Leben gekostet hat und auch uns als Normalbürger bis heute mit ziemlich törichten Dingen, wie eben die Notstandsgesetze, belastet. Mittlerweile leben wir damit, als ob das normal ist, ist es irgendwie auch geworden, aber es ist immer wieder fragwürdig, ob das in einem sogenannten demokratischen System, demokratisch im Sinne von frei und offen, wirklich Not tut.
GR: In den 70ern nicht recht verstanden, wird der Anspruch und die Vorreiterrolle von FAUST auf spätere Musikstile erst jetzt, in den 90ern, voll gewürdigt und kommt die Band nun zu (verspäteten?) Ehren. Macht sich bei Euch so etwas wie ein Gefühl der Genugtuung breit?
JI: Genugtuung kann sich nur dann breit machen, wenn man auf einem Stand stehengeblieben wäre, der 1970 aktuell war. Klar ist, daß wir uns weiterentwickeln. Wir sind nicht stehengeblieben, mein Hirn funktioniert noch ganz gut und im übrigen erübrigt sich das, weil ich immer jemand sein werde, dem nicht genügend Genugtuung widerfahren kann, ja ich einfach schon wieder weiter bin. Schön ist es, wenn man weiß, man war in einer interessanten Zeit mit dabei und man hat auch etwas bewirkt. Aber es geht weiter und Du solltest mich eigentlich fragen, wie ich die Dinge sehe, die ich heute mache. Und da kann ich jetzt auf "Ravvivando", unser jüngstes Album, zurückkommen. Das ist viel subtiler als das, was wir damals gemacht haben. Auch wenn gewisse Leute von etablierten Zeitungen das damals nicht verstanden haben und das bis zum heutigen Tage aussitzen. Wahrscheinlich werden die darüber in den Sarg plumpsen und es immer noch nicht kapiert haben. Das sage ich nur, weil ich zeigen will, daß ich mich natürlich über gewisse Dinge ärgere, wie zum Beispiel Ignoranz. Aber, ich hatte es schon eingangs erwähnt, gibt es hier Leute, die total verunsichert sind und sich ihre Bestätigung von Außen holen müssen, weil sie selber eben nichts eigenes haben. Und dennoch freue ich mich, daß es soweit kommen konnte, wie es gekommen ist und es eben doch allerlei passiert und passiert ist. Auch, daß viele junge Leute versuchen, irgend etwas aus sich selbst herauszuholen. Und ich wünsche diesen, daß das auch gelingt und daß sie nicht aufgeben, und an sich glauben, auch, wenn die Bestätigung nicht von außen kommt. Man muß das tun, was man fühlt und denken, was richtig ist. Und vielleicht eines Tages, wenn man weit weg bei den Sternen ist, wird man die Bestätigung bekommen, oder auch nicht.
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