German Rock e.V. | Das Online-Archiv der Deutschen Rockmusik
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Force Attack 2000


Force Attack OA, Behnkenhagen (bei Rostock), 28.-30.07.2000


Sintflut und Party, Klang- und Urgewalten kämpften an der Ostsee...

Während alle Welt um Abrüstung diskutiert, hat der Ostseekult Force Attack band- und umfangtechnisch in seinem siebenten Jahr gewaltig aufgerüstet. Statt den gewohnt zwei Festivaltagen gab es nun ganze drei Tage lang Soundwahnsinn pur,- abgefeuert von sage und schreibe 36 Bands!

 

Argwöhnisch beäugt von der Stino-Welt der 0815-Bürger pilgerten bereits am Donnerstagabend Hunderte Buntgefleckte Richtung Küste. Vom Irokesen-Indianer über den Hardcore-Kahlgeschorenen bis hin zum kuttentragenden Metal-Jünger war viel Abwechslung vertreten, als der Norden rief, und alle, alle kamen... Die Deutschen Gesetzeshüter jedenfalls spielten ebenfalls Indianer und lauerten im Gebüsch versteckt auf die zumindest imaginär Recht- und Gesetz-verletzenden nichtstaatskonformen, gefährlichen, seltsamen Kults und Musikrhythmen frönenden, verdächtigen Subjekte, in deren Handgepäck man neben \"Hartdrogen\" wie Marihuana auch Flammenwerfer, Kalaschnikows und Atombomben vermutete...

 

Hatte der Open Air-Freund die staatliche Observierung überstanden, erwartete ihn das großzügig gestaltete Camping- und Konzertgelände des Force Attack und die erwartungsvoll vor sich hingrünende Festwiese bei Behnkenhagen. Pünktlich zum Freitagmorgen, dem ersten Festivaltag öffnete der Punkerhimmel alle seine Schleusen und erfrischte seine Kinder für die nächsten 24 Stunden mit Sturzbächen die leider nicht aus Bier, sondern nur aus schnödem Wasser waren... Nachdem die ersten Bands und die große Hauptbühne samt Equipment völlig durchweicht waren, wurde das weitere Programm für den Rest des Tages ausschließlich auf die kleinere, aber trockene Zeltbühne verlagert.


Nun aber zur Musik:

 

Freitag, 28.07.2000

 

Die normalbösen Spaßvögel von Zaunpfahl punkrockten gegen 17.00 Uhr zur Open Air Eröffnung einem jeden Fan deutschsprachiger Lyrics die Sonne ins Herz. Weder von ihren Sounds, noch von den heißbegehrten Sammelobjekten (Gummi-Ente zum Anzünden) konnten die Fans genug bekommen. Wer gegen Langeweile immer noch nicht resistent ist bekam anschließend die Möglichkeit, mit den Jungs von Antikörper sein Ohr- und Immun-System zu stärken. Selbiges brach garantiert beim Gig der Druckwellenerzeuger Crashing Caspars wieder vor Begeisterung zusammen, denn soviel Power durch geilen HC-Rock\'n\'Roll war nur schwer zu verkraften. Die Rostocker, die vor kurzem schon das With Full Force Zelt in Leipzig in Schutt und Asche legten, ließen auch hier keinen Stein auf dem anderen. Cool bis zum Herzinfarkt! Nicht minder herzschlagverschnellernd und tanzwuterzeugend präsentierten sich die Berliner De Ruths dem glückshormonübersteuerten Publikum. Ihre unbeschreiblich einzigartige Mischung aus den wildesten Klang-Konglomeraten sprang von einer Soundschublade in die nächste und war einfach nur schön, schön, schön! Frauenpower gab\'s von der Scattergun-Lady, gemeinsam mit ihren Punk-Kumpanen lieferte sie eine rotzig-packende Show, die das ganze Zelt zu heftigen Pogowellen animierte. Ein wirklich anrührendes Abschiedskonzert mit Hammer-Playlist lieferten Die Skeptiker. Frontmann Eugen holte noch mal alles raus, aus seinem kultigen Punk-Tenor. Das Ende einer viele Jahre überdauernden Szene-Legende zwischen Hass und Liebe, die sich immer wieder rechtfertigen musste für Unterstellungen und Verleumdungen, die jeglicher Grundlage entbehrten... Eugens Nachfolgeprojekt (Coverversionen packender 30er-Jahre-Schlager) steht in den Startlöchern und verdient die Chance für einen fantastischen Neuanfang. Alles Glück der Erde für einen stimmlich fast \"überqualifizierten\" Dichter und Denker,- er hat es verdient!

Sich ebenfalls über die Jahre hinweg verdient gemacht haben sich die Deutschpunker der Dritte Wahl, die schon auf den vorangegangenen Force Attack Festivals die Sau rausließen. Bei Macht kaputt was Euch kaputt macht, Rausch, So wie ihr seid oder Irgendwann wusste jeder: Hier kommt die Dröhnung für Bauch und Kopf! Während Molotov Soda und Oxymoron punktechnisch noch mal richtig Gas gaben, mussten The Exploited leider auf den nächsten Tag verschoben werden, da die große Bühne noch immer nicht bespielbar war. Als im Zelt der letzte Ton verklungen war schlenderte so manch Durstiger noch singend zum Tequila-Bus...

Sonnabend, 29.07.2000

Während viele Festivalbesucher die trockene Stätte ihres Autos als Schlafplatz bevorzugt hatten, kletterten die anderen aus ihrem (mehr oder weniger auch von innen gründlich unter Wasser gesetzten) Zelt und wieder andere standen einfach dort auf, wo sie am Vorabend zufrieden und müde umgefallen waren... Langsam füllte sich gegen 15 Uhr das Festival-Zelt, die ersten Mitsingchöre begleiteten den Tote- Hosen-Coversound der Fünf kleinen Jägermeister. Für The Pig Must Die war die mittlerweile nicht mehr ganz so nasse Hauptbühne freigegeben worden, so dass einem geregelten Plan-Ablauf heute eigentlich nichts mehr im Wege stand. Die Punkschweinchen zelebrierten die Geschichte von Richie und diverse andere Schicksalsmelodien. Dass der Osten eine Menge genialen Hardcore zu bieten hat ist schon lange kein Geheimnis mehr. Dass man neben Druck und Botschaft auch emotionalen Lifestyle zu bieten hat, machten Full Speed Ahead aus Leipzig schweißtreibend deutlich. Nicht nur baff sondern geradezu flächendeckend durchgerockt fühlte man sich nach der energiegeladenen Baffdecks-Show auf der Hauptbühne, sämtliche Bandmitglieder verschmolzen zu einer gut aufeinander eingespielten Soundarmee. Deutliche Lyrics und brachiale Klänge,- komprimierte Wut. Desaster Area jagten den HC mit Volldampf durch die Boxen, immer voll auf die Zwölf. Wer bisher noch nicht wusste wie sich ein stromgemachtes Erdbeben wirklich anfühlt, der wusste es spätestens nach dem Gig der Beatsteaks. Jedes Gitarrenriff ein Arschtritt, jeder Drumbeat ein Schlag ins Gesicht, die Bühnenperformance ein einziger Hurrikan aus Adrenalin und Spaß. Dieser Sound war so fett wie ein Schwein und so druckvoll wie \'ne Explosion, diese Jungs gaben 200 Prozent!

 

Geilen Sound, fettiges Haar und nacktes Mädchenfleisch gab\'s bei Prollhead auf der Zeltbühne, yeah! Wunderbar lyrisch, inhaltsreich und skapunkrockig gaben sich die Schöngeister von Rantanplan. Nostalgie, Rebellion, Enttäuschung und Tanzwut in bunte Sounds verpackt, Klangrausch für die Seele. Die Schnitter aus Kassel zelebrierten anschließend die totale Folk-Invasion. Party mit Anspruch, betörende Klänge zwischen Stromgitarren, Fiddelgeschrummel und engagierten Texten. Den punkrockgesteuerten Overkill gab es nun endlich doch noch von den für Freitag als Headliner eingeplanten The Exploited-Helden um Front-Original Wattie, der sich die Seele aus dem schottischen Halse sang. Was für eine Band, was für eine Show! Das Publikum tobte und die Bühne bebte,- Herz was willst du mehr?! Im Herbst gehen die Abräumer auf Europatour, mit Dritte Wahl als Support im Tourgepäck... Fluchtweg überzeugten die Fans im Zelt anschließend keinesfalls zum Weglaufen, sondern zum Bleiben. Punk is not dead!


Der perfekte Brückenschlag zwischen Genie und Wahnsinn gelang den Überfliegern Knorkator, die mit krassen (Mich Verfolgt Meine Eigene Scheiße) und sanften (Hardcore) Sounds alles in Schutt und Asche legten. Neben Fernseher und Röhrenradio mussten Schränke und natürlich wie immer auch das Keyboard dran glauben... Die Köpenicker blödelten sich und das Publikum gekonnt in die Extase, ohne dabei gänzlich dem Tiefsinn zu entbehren. Denn hinter all der Fassade aus Schwachsinn blühte und gedieh intelligente Ironie!


Die kostümierte Gehirnerweichung regierte auch bei der an Überfüllung leidenden Riesenband namens S.U.F.F., bei der sich schon allein sechs Sänger um die Mikrophone drängelten. Witzige Klänge vom Schunkelsong bis zum Grind-Schlager waren genauso abgefahren wie die krassen Kostüme. Wer die Leipziger Leib-und-Seele-Chaoten ernst nimmt ist selber Schuld! Als lebende Legende mit zeitgeistgeschwängerter Vergangenheit beendeten Freygang dekadent und provokativ das Samstagsprogramm auf der Hauptbühne. Mit Bikerszenerie und lebender Bühnendekoration brachte man die alten Kultsongs nach 3.30 Uhr unter die letzten noch wachgebliebenen Leute und trat dem Rockgott grinsend in den Hintern.

 

Sonntag, 30.07.2000

Die volle Breitseite höllisch guten Hardcore gab es vom Sonntag- Opener Trip At The Brain. Die Sachsen wärmten die Leute vor der Bühne für die Nachfolgegigs dermaßen auf, dass selbst den Punks unter ihnen vor Begeisterung heiß und kalt wurde! Ihr aktuelles Album Dream Of Life sei deshalb allen hier ans Herz gelegt. Ebenfalls nicht von schlechten Eltern war die Soundinvasion von Grind Machine,- Agression und Brachialsounds zum Nackenwirbelzersplittern. Die netten Hauptstädter von The Strikes lagen mit ihren Messages genau richtig, und brachten selbst Daily Terror-Peter neben der Bühne zum verzückten Grinsen. Nicht nur bei Freunde und Spiel des Lebens wurde tüchtig abgetanzt. Mit Pogo-Euphorie und coolen Ansagen gehörten auch die Dödelhaie zu den echten Gewinnern dieses Festivals. Die Jungs hatten soviel Spielwut auf Lager, als hätten sie seit Jahren nur auf diese eine Show drauf hingehungert! Kein Hai rockt besser als der Dödelhai! Auf den Punkerplaneten ging es im Zelt mit den Hauptstädtern No Exit. Hier wurde Love Hate Punk klischeefrei in die Menge geschleudert, bevor dann die Wohlstandskinder das musikalische Steuer übernahmen. Auch hier gab es eine Textsicherheit im Publikum, die ganz beachtlich war. Alle Monitore abzufackeln schien der obergeile Punk\'n\'Roll Overkill von Dog Food Five. So viel Pfeffer im Arsch hat die Welt schon lang nicht mehr gesehen! Hass hatten Losgehnummern ihres neuen Albums Endstation im Set, von denen Abtanzmmern wie So Wie Die Werd Ich Nie oder Totengräber kräftig in die Beine gingen, während sich das Festivalgelände immer buntgefleckter und dichtgedrängter zeigte.

 

Bei Spitfire tobte der Ska ebenso wie die Meute im Zelt,- hier wurden Energien freigesetzt die sich am packenden Treiben der Bläserfraktion immer weiter aufschaukelten. What a fun! Ein Veilchen für MC Motherfucker gab es beim Gig der Terrorgruppe, als ihn eine fliegende Bierdose küsste. MC nahm es cool und orgelte mit seinen Kumpanen das Spaßprogramm professionell und gutgelaunt herunter,- hier war Mitsingen ein echtes Bedürfnis. Was im Zelt anschließend losging lässt sich nur schwer mit Worten beschreiben. Die Düstermetaller der Schinder prügelten ihr Brachialset herrlich krank und paranoid durch die Boxen. Es war ein erhebendes Bild, selbst Punker headbangen zu sehen! Lieder aus dem Schacht und den tiefsten Abgründen der Seele. Ob Hure, Grablied oder Gottesknecht, hierbei musste man einfach abgehen wie ein durchgeknallter Kalikumpel... Was die Kassierer trieben war ein alter Hut, brachte Exploited-Wattie aber dennoch zum ausgelassenen Kichertanz am Bühnenaufgang. Dass nackte Männer versuchten auf der Bühne ihren Stuhlgang abzulassen,- dass hatte wohl selbst Wattie in all seinen Jahren Punkrock noch nicht gesehen... Einen tollen Festivalabgesang mit Folktrash der Superlative gab es zu später Stunde von Whils. Die fröhlichen Schaf-Fans aus Hamburg hatten die Zuschauer wie weiches Wachs fest in der Hand. Bei den Klängen von Revolution taumelte das siebente Force Attack selig seinem diesjährigen Ende entgegen. Man möge mir die allgemeine Euphorie verzeihen, denn bei diesem Festival blieben (wenn man mal vom Wetter absieht) keine Wünsche offen... Während es im Vorjahr nur ca. 8.000 Besucher waren lockte das Force Attack mittlerweile ca. 10.000 Leute an die Küste. Ein wirklich toller Lohn für die Arbeit aller Beteiligten! Besonders die Bands schätzen das Festival als kultigen Szenetreff, bei dem das Undergroundfeeling noch lebt,- im Gegensatz zu den Riesenfestivals wie With Full Force oder Wacken. Mit dem Wachstum des Festivals wachsen natürlich auch die Ansprüche an die Organisation, aber dessen ist sich Veranstalter und Dröönland-Production-Chef Imre wohl vollauf bewusst. Wir freuen uns also alle auf das 8. Force Attack im Jahre 2001!

Trotz aller Feierlaune soll nicht verschwiegen werden, das es in der ersten Nacht einen tragischen, (allerdings von niemandem verschuldeten) Todesfall gab. Ein 36jähriger Punk aus Elmshorn hatte am Abend über Magenschmerzen geklagt, aber nicht das Zelt des Medizinischen Dienstes aufgesucht. Laut Aussagen seiner Begleiter soll er schon früher Magenprobleme gehabt haben und auch geäußert haben, mal auf einem Festival sterben zu wollen. Am Morgen des zweiten Festivaltages konnte leider nur noch sein Tod festgestellt werden. Allen Freunden und Verwandten unser tiefes Mitgefühl.

Andrea Göbel

 




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