German Rock e.V. | Das Online-Archiv der Deutschen Rockmusik
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Wacken Open Air 2000


WACKEN OPEN AIR 2000

04.-05.08.2000

Vier Bühnen für ein Hallelujah, -24000 Fans im 11. Wacken-Jahr! 

Auch wenn das Programm der True-, der Black-, der Party- und der Wet-Stage nicht unbedingt immer hundertprozentig mit dem Namen der jeweiligen Bühne übereinstimmen musste, so war es doch grundsätzlich eines: Metal,- in all seinen Farben, Formen und Inhalten. Da dem Mammut-Programm von insgesamt 68 Bands nicht mal in bester körperlicher Verfassung komplett beizukommen war, beschränkt sich der nun folgende Bericht auf die subjektiven Highlights von zweieinhalb Tagen Metalwahnsinn pur:

Donnerstag 03.08.2000


Die Vorabparty, deren Einrichtung sich im vorigen Jahr schon hinreichend bewährt hatte, startete diesmal am 03.08.2000 mit drei Kultformationen, die nicht nur Altrocker vor die True Metal-Stage lockten. Die unvergesslichen Sounds von Krokus und Molly Hatchet waren durch die adrenalinlastige Performance ein ebenso gelungener Startschuss wie der massenkompatible Kult-Sound von Company Of Snakes. Hier kamen Blues und Metal in einen Topf und wurden von Alt- und Jungrockern gemeinsam ausgelöffelt. 

Freitag, 04.08.2000:


Als einer der zwei offizieller Opener bliesen die Osteroder Heavy-Fetischisten von Dark At Dawn um 13.00 Uhr zum Angriff auf die harmoniesüchtigen Trommelfelle aller Anwesenden. Ihr hypermelodisches Soundgebräu mit Songs der Klasse-Scheiben Oceans Of Time und Baneful Skies trieb nicht nur die Stimme von Frontmann Buddy immer wieder zu Höchstleistungen an.

Ob bei den unvergessenen Oldtimern Samson, den schwedischen Killern von Deranged, den faltenfrei auferstandenen Power-Metallern von Gaskin, den Melodic-Reißern von Royal Hunt, den Undergroundern Savage, den NWOBHM-Überfliegern Angel Witch, oder den Poser-Mannen von October 31,- schon der Nachmittag brachte eine Menge Spaß und Schweiß für alle fleißigen Bühnenwechsler mit sich. Beim energiegeladenen Lock Up-Auftritt flogen die Fetzen dessen, was die Dimmu Borgir/Napalm Death-Mannen-Verschmelzung hergab,- und auch bei Luca Turillis Rhapsody blieb kein Auge und keine Headbangerkopfhaut trocken. Angelrippers Desperados brachten den Wilden Westen mit Drumgeschossen und Riffpistolen aufs Festivalgelände und bei Grim Reaper verteidigte Sänger Steve mit neuer Formation als einzig \"Überlebender\" die Lorbeeren des 80er-Jahre-Erfolges. Die nordischen Schöngeister von Stratovarius wurden genauso euphorisch bejubelt und gefeiert wie die hochmotivierten Pink Cream 69er und die (Overkill-ersetzenden) genialen Amored Saint, die eine nur schwer zu beschreibende Bilderbuchshow lieferten.


Die ungekrönten Könige der Nacht waren ohne Frage die Powergötter von Iced Earth. Jon Schaffer setzte mit orthopädischer Halskrause unfreiwillig modische Metal-Akzente und auch Goldkehle Matthew Barlow ließ speziell die Frauenherzen höher schlagen. Im Schweiße ihres Angesichts alles kurz und klein knüppelten die dänischen Jungs von Artillery, bis Hypocrisy den professionellen Tritt in den Hintern noch dezent verstärkten. Gamma Ray und Six Feet Under lieferten bis 3.00 Uhr nachts den Betthupferl.

Sonnabend, 05.08.2000:


Gleich um unchristliche 10.00 Uhr morgens überraschten die vier Jungrocker von Shard mit einfallsreichem, freakigen Gitarrenrock, der alle die belohnte, welche die Streichhölzer zum Augenaufhalten rechtzeitig gefunden hatten. Als die Wilhelmshavener Mob Rules ihre Endzeit-Saga um den Ruler zum besten gaben, konnte man neben Material der Savage Land-Scheibe auch brandneue Sounds des im November erscheinenden zweiten Albums Temple Of Two Suns belauschen. Netter Versprecher, als Sänger Klaus kurz vor 11.00 Uhr morgens \"den letzten Song für heut Abend\" verkündete... Ungemein melodisch zeigten sich die Hamburger Freedom Call, während Late Night Romeo lieber auf die Biker-Rock\'n\'Roll-Schiene setzten. Anstatt der angekündigten Immolation überzeugten die südafrikanischen Brachialmetaller von Agro mit fetten Sounds für echte Metaller, und die Franzosen von Nightmare taten ebenfalls Beachtliches, um ein wirkliches Hammerset zu liefern. Richtig true präsentierten sich die Mannen von Steel Attack und kurze Zeit später rückte sich Hypocrisy-Genius Peter Tägtgren mit seiner Zweitcombo Pain diesmal durch innovative Kostümierung ins Wacken-Rampenlicht: Schwarzes Lederoutfit, Hörner und rote Körperbemalung machten den Tausendsassa zum bestaussehendsten und diabolischsten Teufel, den sich ein Metallerherz vorstellen kann. Sein abgefahren harter Industrial-Crossover mit Elementen aus Metal und Techno verwandelte die Zone vor der Bühne in einen Hexenkessel. Die Power-Metaller um Ex-Maiden Frontmann Blace Bayley boten mit China Beach Drummer Jeff Singer und Ex-Mindfeed-Klampfer John als Blaze ein professionell dahergerocktes Set klassischen Metals, während auch Squealer genau ins Schwarze trafen und selbst Sabina Classen aus dem Bullet-TV-Zelt vor die Bühne lockten. Musikalisch und optisch anziehend zeigten sich die finnischen Strahlemänner von Sentenced in ihrem abwechslungsreichen Set. Bei Ober-Maniac Lizzy Borden wurde mit Blut und Federn gewütet,- eine Show die heute immer noch hält was sie damals versprach. Australischen Power-Metal der anspruchsvollen und atemlos machenden Art gab es von Vanishing Point,- einer sicherlich noch viel zu unterbewerteten Klasseformation, deren Namen man sich lieber merken sollte. Nostalgie pur (mit mehr als einem Schauer im Bauchbereich) garantierte das Traumprogramm der Altmeistern Demon, deren sympathische Performance zum Party-Highlight des Nachmittags wurde.

Die sich selber nie zu ernst nehmenden britischen Sympathieträger und Leib-und-Seele-Rocker um Lyric-Fachmann Dave Hill haben es schon immer verstanden, Professionalität und Lockerheit plus Nähe zum Publikum brillant zu verbinden. Schon vor dem Erklingen des allerersten Keyboard-Tones hatten die Bombast-Metaller von Nightwish die Wacken-Zuschauer total im Griff. Die Finnen um Opernsängerin Tarja und Bandleader Tuomas entführten für 45 Minuten direkt in den siebenten Metal-Himmel und jagten neben Angels fall first und Oceanborn-Klassikern auch massig aktuelle Wishmaster-Nummern durch die Kabel. Ob The Kingslayer oder Wanderlust,- hier hat man sicher wieder tausende von neuen Fans zum Nightwish-Glauben bekehrt... Die schwedischen Spiritual Beggars waren in Punkto Gitarrenarbeit eine Augenweide, Powerfrau Doro zog in ihrem Programm alle Register weiblicher Sound-Verführung und machte so richtig Lust auf ihr aktuelles Album Calling The Wild, bevor Angry Anderson und Peter Wells mit Rose Tattoo dann tausende Fans bei zitternden Knien begeistert den Atem anhalten ließen. Die Schöpfer des Streetpunks rockten sich die Seele aus dem Leib. Ein Stück Zeitgeschichte, dass zudem gleich noch für ein Rose-Tattoo-Livealbum mitgeschnitten wurde! Ein echter Hingucker waren anschließend auch die Shows von Skew Siskin und Dee Snider (letzterer war für die gecancelten Thin Lizzy eingesprungen und ließ Erinnerungen an alte Twisted-Sister-Zeiten aufkommen).

Die Götterdämmerung schlug für alle Blackmetaller, als die unberechenbaren Venom-Heiligen um Cronos & Co. dann tatsächlich livehaftig auf der Bühne standen und in wilder Spielwut eine umfangreiche anderthalbstündige Klasseshow lieferten, welche ebenfalls aufgezeichnet wurde. Ein unüberschaubares Menschenmehr betete zur Resurrection-Messe das neue Material herunter und der Mond über Wacken spiegelte sich zu jedem Klassiker als ein teuflisches Glänzen in den tränennassen Augen jedes Venom-Ergebenen wieder. Herrlich knorke, krank und ironisch wüteten die von der eigenen Scheiße verfolgten Plüschmonster von Knorkator,- nach getaner Arbeit schlug man (wie\'s sich gehört) vom Klavier bis zum Fernseher wieder alles kurz und klein. Yeah! Die Sammlung der Gitarrengötter vervollständigte Zakk Wylde,- im Rahmen seiner Black Label Society blieb kein Stein auf dem anderen. Fates Warning-Vocalist Ray Alders überzeugte druckvoll mit Zweitcombo Engine,- anspruchsvoll, gesanglich filigran und inhaltlich inspiriert, bevor Onkel Tom seine Schutzbefohlenen mit einem bunten Trinklieder- Potpourri aus Gassenhauern a la Immer Wenn Ich Traurig Bin oder Es Gibt Kein Bier Auf Hawaii in den wohlverdienten Tiefschlaf (oder ins Delirium) wiegte.

Nach so viel musikalischer Vollbedienung braucht nun auch der härteste Hartsound-Konsumierer erst mal wieder ein Jährchen Pause bis zum nächsten Wacken-Marathon 2001... See you!!!

Andrea Göbel

 

 


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