German Rock e.V. | Das Online-Archiv der Deutschen Rockmusik
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Wave Gotik Treffen 2000


WAVE GOTIK TREFFEN

 

Leipzig 09.-11.06.2000

 

Wir schreiben den Sonntagnachmittag des 11.06.2000, düstere Wolken ballen sich über ganz Leipzig bedrohlich zusammen, Gewitterblitze zucken, höllischer Donner grollt, sintflutartiger Regen ergießt sich vom trauerverhangenen Himmel- und die Veranstaltungs-GmbH des legendären (im neunten Lebensjahr stehenden) Wave-Gotik-Treffens wird offiziell als pleite geoutet.

 

25000 Schwarzgewandete sehen ihr viertägiges Szenefestival schon in der Halbzeit mit Funkenschlag vor dem geistigen Auge untergehen. Gerüchte kursieren: Der Hauptveranstalter habe sich mit einem Millionenbetrag abgesetzt und werde nun von Interpol gesucht, die Pleite der GmbH wäre schon am Mittwoch vor Festivalbeginn einigen Eingeweihten bekannt gewesen, der Großteil der Security sei schon abgereist und das am Sonntagmorgen zur Krisensitzung herbeigerufene Notstandskomitee habe mittlerweile ebenfalls das Weite gesucht... Alle Hoffnungen scheinen in Staub und Asche zu gehen, doch dann passiert es doch,- ein kleines Wunder,- erwachsen aus spontaner Hilfsbereitschaft und purem Idealismus: Mitten aus dem Publikum werden Mitmachwillige als Hilfsbürokräfte, Security, Ordner, Techniker und Ruhestifter rekrutiert, im Schnellverfahren hat man eine Liste der auch ohne Gage noch spielwilligen Bands erstellt,- und diese über den nun doch durchführbaren dritten Festivaltag verteilt.

 

Leute, die grade eben noch mit ihrem teuer bezahlten Festivalticket den guten Gothic-Gott \'nen lieben Mann sein ließen, beruhigen jetzt in Schwerstarbeit aufgebrachte Festival-Kumpels, schleppen Technik durch die Gegend oder sichern den Pressegraben für die Journalisten. Auch wenn in Halle 1 schon fleißig abgebaut wird, tummeln sich auf dem Agra-Gelände in Halle 1, Gothiczelt und Metalzelt den ganzen Sonntag noch wirklich sehenswerte Bands. Die Veranstaltungen auf dem alten Messegelände und allen übrigen Veranstaltungsorten,- mit Ausnahme der Moritzbastei (wo sogar noch am Montag ein Abschlussprogramm lief), werden ersatzlos eingestellt. Wie ein Phönix aus der Asche erwacht das Wave Gotik Spektakel auf dem Agra-Gelände am vorletzten offiziellen Tag für ein paar Stunden noch einmal zu neuem Leben und der Ansagen-Mann auf der Bühne spricht von Hundertschaften bejubelt das aus, was viele im Publikum schon vorher fühlen: \"Sieht fast so aus, als ob aus dem Massenevent heute auf diese Weise doch noch ein echtes Underground-Festival wird!\"...

 

Doch beginnen wir am besten von vorn:

Freitag, 09.06.2000:


Das Wetter zeigte sich göttlich und die Luft duftete erwartungsgeschwängert nach endlos viel Musik, der Großteil der 25000 erwarteten Besucher waren schon am Donnerstagnachmittag angereist, so dass die Campingplätze bereits einen Tag allesamt belegt waren. Als erste Notlösung wurde der V.I.P.-Parkplatz nach langem Hin und Her zur allgemeinen Bezeltung freigegeben. Als einzige Abgesandte unter der Flagge von German Rock brachte ich es in Begleitung meiner Kumpels vom Rockscene-Magazin an den folgenden Tagen neben zahlreichen Interviews und Fotojagden auf insgesamt 31 miterlebte Livekonzerte, von deren Highlights nun etwas ausführlicher berichtet werden soll. Allerdings war es aufgrund des riesigen Ausmaßes der Veranstaltung nur möglich sich auf das Agra-Gelände zu beschränken:

Einer der aufregendsten Opener hier war wohl der Alleinunterhalter Glampire aus New York City, welcher sich trotz fünfjährigem Solodasein zum allerersten mal in Deutschland befand. Mit einem selbstbeherrschten \"Ladys and Gentleman\" begrüßte er die drei einsamen Journalisten, die sich als einziges Publikum zur frühen Stunde um 17.30 Uhr im Gothiczelt eingefunden hatten. Sein kultig freakiger Glamrock mit exzentrischer Performance zog innerhalb weniger Minuten dann doch noch einige Zuschauer von der Wiese vor die Bühne. Psychedelisch angehauchte bis rockig durchtriebene Knaller a la My Own God, Shake Me Take Me Make Me oder Happy Again lieferten Gänsehaut pur. Glampire versprühte sein Charisma in Überdosis und erinnerte songtechnisch gelegentlich an einen frühen David Bowie. Cooles Outfit und Lyrics mit Tiefgang,- diesen Paradiesvogel sollte man sich merken! German Rock jedenfalls entführte den graziellen Selbstdarsteller gleich nach der Show (zwecks allererstem (!!!) Deutschlandinterview) in die Garderobe.

Exzellent irish folkigen und somit tanzbaren Rock gab es anschließend von Burning Gates aus Italien, bevor Catastrophe Ballett mit einem in Bestform befindlichen Frontmann und rebellischen Untertönen in Halle 1 alle Blicke auf sich zogen. Selbst die Security geriet in Verzückung, als gegen 21.30 Uhr den Bombast-Metallern von Nightwish die Herzen aller Anwesenden spielend zuflogen. Sängerin Tarja agierte mit unübertrefflich hinreißendem Gesang und grenzenlosem Charme, während der Rest der Band eine Stunde lang Gas gab. 5000 Fans ließen die Halle zu den Klängen der neuen Wishmaster-CD im Beifallregen beben. Im Metal-Zelt probte man ebenfalls die klassischen Einflüsse mit Penumbra, bevor Lacrimosa wieder Tausende in die Halle zogen. Wolf, Halbgott der Gothicszene, verzauberte mit graziöser Gestik und souveräner Präsenz. Während zu Showbeginn mehr die ruhigeren Klänge zum Tragen kamen, ließ man es später dann eher krachen. Ein wirklich tolles Comeback lieferten die Kult-Oldtimer von Sique Sique Sputnik mit einem in knallrotes Leder gehüllten, immer noch unsagbar knackigen Frontmann. Hier wurden die Elektrobeats der 80er Jahre verwesungsfrei wieder ausgegraben. Party-Nostalgie in Perfektion! Klanglich gut, grollend düster und optisch vernebelt boten Eisregen im Metalzelt den konzertanten Betthupferl, bevor alle muntergebliebenen Nachtgeschöpfe mit Kai Hawaii oder bei der Fusionsparty in Halle 2 tanzend den Mond anheulten.

Sonnabend, 10.06.2000:


Mit einer unglaublichen Powerstimme weckte der Sänger von Despairation in Halle 2 gegen 16.00 Uhr alle Spätaufsteher, zeitgleich mit dem nietenbestückten Killerkommando von Grief Of Emerald in Halle 1. Während anschließend die Jungs von Agathodaimon heftig losknüppelten, gab es im Gothiczelt einen ganz besonderen Leckerbissen. Zombie Joe, die Hallenser Gewinner des 1999er f6 Music Award tauchten deutschsprachig und emotionsgeladen in ein Meer aus Melancholie und Wut, fliegende Rastas, Bäche aus Schweiß und ein Sound wie er druckvoller kaum sein könnte,- brachial, heiß und fettig! Anspruchsvoll und gutgelaunt ging es mit Herbst in Peking weiter. Schräge Sounds, schiefe Sprüche, lockere Atmosphäre und eine Menge Nostalgie-Spaß.

Ein fast regionales Highlight gab es im Metalzelt gegen 19.30 Uhr mit Dark At Dawn aus Osterode. Packend melodischer Death-Metal mit erstklassigem Gesang und treibenden Passagen, immer mitten auf die Zwölf... und mit einem Don\'t Pay The Ferryman-Cover das Chris de Burgh ganz krass erblassen lassen dürfte... Nach dem sehenswerten Auftritt von Borknagar kamen alle Elektronik-Fans mit Diary Of Dreams auf ihre Kosten, die Halle jedenfalls war voll. Im Gothiczelt gab es von Sunshine Blind aus Sun Francisco eine leicht freakige Performance im Amistyle. Beim abgedrehten Posing des Keyborders und punkigen Outfit des Gitarristen fühlte man sich hier schnell in eine kultige Szenekneipe mitten in Amerika versetzt. Cool! Götterdämmerung im Metalzelt dann noch mal kurz nach Mitternacht mit Samael, wie immer in Höchstform und unsäglicher Spielwut. Was für ein Frontmann, was für ein Sound! \"Wenn sich so der ultimative Tritt in den Arsch anfühlt, so will ich von heute an nur noch getreten werden\" kam es mir in den Sinn...

Sonntag, 11.06.2000:


Der musikalische Ausnahmezustand der Veranstaltungs GmbH war gegen 17 Uhr offiziell verkündet, Massenauflauf vor dem Pressebüro und im Hotel,- und nun ging es doch noch weiter,- explosiv, unerwartet und gut improvisiert. Im Gothiczelt eröffneten die Stuttgarter von Substance Of Dream, gefolgt von Cell Division aus Zürich und Woodlawn aus Stuttgart. Alle drei Bands sollte man sich unbedingt merken. Twilight Garden waren eigentlich für Werk II eingeplant, durften nach dem dortigen Abbruch der Veranstaltung nun aber wenigstens im Agra-Zelt auf die Bühne. Den bezaubernden Klängen ihrer in Kürze erscheinenden EP Sphere zu lauschen wurde ein lohnendes Vergnügen. In Halle 2 (Halle 1 war schon geschlossen worden) verzauberte der Düstersound der Untoten ebenso, wie der Melodienrausch von Scream Silence. Einen echten Vorzeigegig mit Powerattacken und Adrenalinduschen lieferten die Mittelalter-Elektroniker von Tanzwut. Teufel jagte supermotiviert und diabolisch über die Bretter,- ließ sich von der klampfenaufgerüsteten Musikerhorde durch die schweißtreibende Stunde jagen. Ein tänzerisch, mimisch und stimmlich ebenfalls alles gebender Stefan Ackermann von Das Ich wühlte sich mit einer superben Songauswahl aus herzzerreißenden Lyrics in die Abgründe menschlichen Seins. Weder Gottes Tod noch Das Ich im Ich oder Kain Und Abel durften fehlen, bei diesem berührenden Aufgebot an Tiefensinn. Gewohnt professionell präsentierten sich auch die Dreadful Shadows, ganz zu schweigen von der energiegeladenen Ever Eve Show im Zelt! Die noch recht jungen Dampfwalzen von Crack Up verteilten Hochspannung der Extraklasse. Mit Cowboyhut und treibendem Sound kamen Night In Gales ebenfalls gut beim Publikum an, bevor Anathema dann lange nach Mitternacht die Festivallichter endgültig ausknipsten. Ihre mehr als einstündiges Programm hatte einen Ohrwurm nach dem anderen zu bieten. Welche Nebenwirkungen ein Schönling-Frontmann bei den weiblichen Fans hervorrufen kann, zeigte sich bei Anathema deutlich: Der bis dahin gut gesicherte Pressegraben wurde von schmachtend dreinblickenden Geschöpfen gnadenlos gestürmt und bis zum Festivalende nicht mehr freigegeben. Eine gelungene Überraschung bot Tiamat-Sänger Johan Edlund. Der (über den ins Wasser gefallenen Auftritt seiner eigenen Band berechtigt wütende und enttäuschte) Genius legte mit Anathema als Trostpreis für alle Fans ein tolles Sex Pistols-Cover hin. That\'s Rock\'n\'Roll!

Nicht auszudenken, was bei einem normalen Festival-Ablauf über insgesamt vier Tage noch für Adrenalin-Ausschüttungen und Spaß-Attacken zu erwarten gewesen wären...

Zum Abschluss schnell ein paar Tränen für die heiß vermissten Merlons, für Tiamat, Mila Mar, Sentenced, In Flames, Napalm Death, Entombed und alle anderen Bands, die unverrichteter Dinge wieder abreisen mussten oder aufgrund der Misere gar nicht erst aufgebrochen waren. Heißen Dank auch an alle ehrenamtlichen Last- Minute-Helfer und an all die Crewmitglieder und Bands, die ohne einen Pfennig Kohle abrücken mussten. Es gibt sie noch,- die unverbesserlichen Idealisten! Ob es das Wave-Gotik-Treffen Nummer 10 im nächsten Jahr geben wird steht allerdings noch in den Sternen. Vielleicht findet die Stadt Leipzig bis dahin ja einen neuen, ehrlichen und wirklich fähigen Veranstalter.

Andrea Göbel


 

Das diesjährige Wave Gothic Treffen in Leipzig bot ein reichhaltiges Angebot in jeder Beziehung das nicht nur Gruftherzen höher schlagen ließ. Auf dem Agra Gelände find im Rahmen des Wave Gothic Treffens das Black With Sun Fest statt, das vor allem die Düstermetaller als Zielgruppe hatte. Neben zahlreichen Verkaufsständen gab es mehrere Bühnen und zwei Discos in verschiedenen Agrahallen. Einer der Headliningacts am Samstag waren die Norwegischen Black-Metaller Immortal die eine super Show boten. Leider war der Sound alles andere als gut so das nur eingefleischte Fans der Band die einzelnen Songs von einander zu unterscheiden wussten. Das Trio zog dennoch eine energiegeladene Show durch die mit Feuerspuckeinlagen aufgepeppt wurde.

Im Metalzelt rockte etwas zeitversetzt Samael ab. Vom einstigen Black-Metalsound der Band ist nicht mehr viel geblieben. Was aber wenig stört, den der düstere Dance-Metal geht voll ins Blut. Samael legten sich voll ins Zeug und begeisterten das proppenvolle Zelt bis auf den letzten Zuschauer. Wer danach noch Bock auf Mugge hatte konnte ja noch in einer der Discos das Tanzbein schwingen.

Am Sonntag kam dann das große Desaster, der Veranstalter war pleite und das ganze Wave Gothic Treffen war in Gefahr. Nach einer Pressekonferenz stand dann fest das dass Treffen weiter gehe aber ohne einige Veranstaltungen und alle Bands die noch spielen wollen erhalten keine Gage. Leider reisten darauf hin einige Acts ab. Einer der Highlights an diesen Tag waren Tanzwut und Das Ich. Während Tanzwut mich auf CD nicht so recht begeistern sind sie live ein echter Hammer auch wenn man den verhassten Konkurrenten In Extremo noch nicht das Wasser reichen kann. Über Das Ich brauche ich eigentlich keine Worte mehr zu verlieren. Acki und seine Mitstreiter boten wieder eine krank-geniale Show. Wer diese Band noch nicht live gesehen hat sollte dies unbedingt nachholen.

Der letzte Liveact an diesen Abend waren Crack Up die mit ihren Death`n Roll nicht so recht hierher passten aber trotzdem einen passablen Gig abzogen.

Das Wave Gothic Treffen wird trotz aller Widrigkeiten 2001 wieder stattfinden. Es wird dann aber vom Zillo veranstaltet. Wollen wir hoffen, dass es nächstes Jahr besser abgeht!

Kay Lorenz

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Musiker-Statements zur Wave-Gotik-Treffen-Pleite 2000

gesammelt von Andrea Göbel

 

Cell Division (aus Zürich), Sängerin

\"Nun durften wir doch spielen, wenn auch ein bisschen verspätet. Wir sind hier hergekommen ohne irgendwelche Forderungen, keine Gagenforderungen und so weiter. Wir haben auch unsere Hotelzimmer selber bezahlt. Irgendwie war es nur halt doof bei all dem Durcheinander hier, ewig nicht zu wissen ob wir nun noch spielen dürfen oder nicht. Letztendlich war es aber toll, vor all diesen vielen Leuten zu spielen. Die Konzerte hier waren vor Bekannt werden der Wave-Gotik-Pleite nicht so gut besucht wie heute am Sonntag... Speziell das Gothic-Zelt wurde vorher vom Publikum nicht so stark frequentiert. So bleibt mir nur zu sagen: www.celldivision.ch!\"

 

Woodlawn (aus Stuttgart und Ravensburg), Sängerin Tina:

\"Heute Abend war anfangs schon ziemlich gespannte Stimmung aufgrund der ganzen Gerüchte und Hintergründe, aber letztendlich ist für uns persönlich alles ganz gut gelaufen. Die Leute sind klasse mitgegangen und ich hoffe es hat allen gefallen. Vielleicht sieht man sich ja mal unter besseren Umständen wieder...\"

 

Sunshine Blind (aus San Francisco), Sängerin Caroline:

\"Auch wenn es keinen Pfennig Geld gibt haben wir gesagt, o.k., wir spielen, vielleicht verkaufen wir ja ein paar T-Shirts und CD\'s... Die Reaktion auf unser Konzert gestern waren so toll, dass wir uns heute spontan dazu entschlossen haben ein zweites Mal auf die Zeltbühne zu gehen. Wir hätten auch gerne in der großen Halle gespielt, aber dort hat man in letzter Minute auch so noch ein tolles \"Notprogramm\" mit den Bands zusammengestellt, die nach Bekanntwerden der Pleite trotzdem noch zu spielen bereit waren. Man muss halt das Beste aus so einer Situation machen!\"

 

Twilight Garden (aus Würzburg) Drummer Kevin:

\"Ich denke, dass man die Anzahl der gebuchten Bands auf diesem Festival echt übertrieben hat. Wenn man hört, das 350 Bands geplant waren, so was kann ja nur einfach in die Hose gehen. Die ganze Organisation ist echt chaotisch und schlecht durchdacht, die meisten Bands müssen ohne Gage spielen und ohne Übernachtung. Das wir jetzt heute auf der Gothic-Bühne gespielt haben ist eigentlich nur eine Notlösung. Wir sollten ursprünglich in Werk II spielen, aber nachdem dort das ganze Programm gestrichen wurde haben wir uns entschlossen hier zu spielen, damit es nicht auf dem Gelände zu irgendwelchen Ausschreitungen kommt. So wollen wir versuchen die Pleite des Veranstalters wenigstens halbwegs wieder gut zu machen. Auch wenn uns hier im Zelt viel weniger Leute gekannt haben als das im Werk II der Fall gewesen wäre, so hatten doch dennoch Band und Publikum ihren Spaß, die Leute haben getanzt. In ca. vier Wochen erscheint unsere E.P. Sphere!\"

 

Das Ich, Sänger Stefan:

\"Die allgemeine Situation hier lässt sich eigentlich nur mit einer Geschichte aus meiner Kindheit beschreiben, mit Balou... (Stefan singt): \"Probier\'s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit, und wirf die ganzen Sorgen über Bord,- und wenn du stets gemütlich bist und etwas appetitlich ist, dann nimm es Dir, egal an welchem Ort...\" Das also zur allgemeinen Stimmung hier, ich persönlich fühle mich ganz gut!\"

 

Ever Eve, Sänger Benjamin:

\"Zum Festival ist zu sagen, dass das hier die letzte Katastrophe ist. Das Publikum wird verarscht, die Mitarbeiter werden verarscht, die Bands werden verarscht... Aber es versucht halt jeder, das Beste daraus zu machen. Wir haben uns bereit erklärt trotzdem hier zu spielen. Wir kriegen keine Gage (genau wie alle anderen Bands die heute hier noch spielen), die Security die heute arbeitet kriegt keine Kohle, alles läuft nur noch auf Freundschaftsbasis. Es ist der Hammer. Dieser Typ (der Veranstalter) macht das seit neun Jahren,- und es kommt einem fast so vor, als ob er die ganze Zeit darauf hingearbeitet hätte sich heute bewusst mit dem ganzen Geld abzusetzen und sich ein schönes Leben in \"Ichweißnichtwo\" zu machen (es geht wohl um Summen in Millionenhöhe),- und er wird wohl auch schon von Interpol gesucht. Alles ist äußerst komisch. Aber wie gesagt: Wir versuchen einfach das Beste daraus zu machen. Am meisten angearscht ist das Publikum. Die Leute zahlen eine Menge Kohle für vier Tage Zelten und Musik, die tun mir am meisten leid. Uns als Band trifft es da nicht ganz so hart. Deswegen haben wir auch gespielt und vielleicht hatten die Leute so noch ein wenig Spaß. Nun haben wir unser Bier halt selber bezahlt, denn Catering gab es natürlich auch nicht mehr... Wir hatten unseren Spaß auf jeden Fall,- es hat riesen Laune gemacht!\"

 

Tanzwut, Sänger Teufel:

\"Schade, dass es mit dem Festival letztendlich so gekommen ist, aber für uns hat sich im Prinzip nicht so viel geändert. Eigentlich war letztendlich doch alles echt schön und hat Spaß gemacht.\"

 

Night In Gales, Sänger Jörg:

\"Tja, wie es inzwischen sicher jeder mitbekommen hat ist das Wave-Gotik-Treffen in diesem Jahr recht chaotisch abgelaufen, da sich der Veranstalter stark verkalkuliert hat. Wir jedenfalls sind sehr dankbar hier doch noch spielen zu können. Anathema sind der einzige Headliner der nicht abgesagt hat, die meisten anderen großen Bands waren da ein bisschen kapitalistischer und wollten ohne Gage nicht spielen, obwohl sie schon angereist waren. Das Publikum war jedenfalls gut. Wir persönlich haben heute einen nicht so tollen Tag erwischt, da wir spielerisch nicht auf der Höhe waren, ansonsten war das Festival gestern und heute eigentlich recht erfolgreich für alle Bands die gespielt haben, die Leute hatten super Laune. Das es so gelaufen ist ist schade, man kann da jetzt nicht mehr viel dran ändern, trotzdem hoffe ich, dass wir nächstes Jahr noch mal wiederkommen dürfen. Da es das Wave-Gotik-Treffen schon so viele Jahre gibt, wird es hoffentlich im nächsten Jahr wieder ein Festival geben,- wenn dann auch sicherlich mit einem neuen Veranstalter. Hoffentlich lernt man aus all den Fehlern. Wir persönlich haben uns viele gute Bands angesehen und wir hatten hier viel Spaß. Gleich spielen hier noch Anathema,- eine wirklich großartige Band...\"

 

Die Schinder (aus dem Erzgebirge) Sänger Kaczmarek:

\"Dafür, dass das Wochenende total chaotisch verlaufen ist kann man nur den Hut ziehen vor all den Leuten die geholfen haben, dass es nach der Pleite bis heute Nacht nun doch noch weitergehen kann. Alle haben toll mitgemacht. Ob das Leute waren die bis heute früh einfach noch Gast hier waren, ihr Ticket teuer bezahlt hatten und nun fragten: Wo kann ich helfen?... Man kann eigentlich allen nur danken! Die Bands haben gut miteinander kommuniziert, es gab keine Streitereien, es war so gigantisch, dass es sich eigentlich nicht in Worten beschreiben lässt, dass die Veranstaltung noch so gut gerettet worden ist. Ja, ich würde es wirklich als gerettet bezeichnen. Für mich war unser Auftritt heute ein erhabenes Gefühl. Dort oben auf der Bühne zu stehen vor so vielen Leuten, war wirklich beeindruckend. Ich kann nur sagen: Gerne jederzeit wieder!\"

 

Tiamat (aus Schweden) Johan Edlund:

\"Ich finde das alles ganz schön beschissen, denn wir konnten nicht spielen. Das ist alles was ich zu sagen habe...\"

 

Interview

GLAMPIRE, Wave-Gotik-Treffen 2000 (Gothic-Zelt)

GR: = Andrea Göbel für GERMAN ROCK NEWS

G: = GLAMPIRE

 

GR: Glampire, Deine Solo-Karriere hast Du in Amerika vor nunmehr fünf Jahren kreiert. Welche musikalischen Experimente gab es zuvor?

 

G: Ich war in einer ganzen Menge anderer Bands, zumeist mit recht ernsthaften, eher seriösen Leuten. So kenne ich die Rockszene von New York sehr gut, lebte aber auch eine Weile in Los Angeles. Durch die vielen Bandwechsel lernte ich sehr schnell zu erspüren, auf welche Art ich mit dem Publikum kommunizieren wollte. Wenn Du die Dinge radikal ändern möchtest, musst Du dafür meistens auch die Band wechseln.

 

GR: Was war der Auslöser dafür, ganz auf die Soloschiene umzusteigen?

 

G: Nur so kriege ich alles richtig hin. Das Leben ist sehr kurz und Musik ist wahnsinnig wichtig für mich. Meistens bist Du als Musiker immer von Leuten umgeben die irgendetwas von Dir wollen. Manchmal sind die anderen Bandmitglieder auch nicht richtig motiviert und bremsen dich nur aus. Du bist in einer Band nie richtig dein eigener Herr. So habe ich einfach auf mich alleine gesetzt.

 

GR: Du bist nun das allererste Mal in Deutschland. Wie sehen Deine ersten Eindrücke aus?

 

G: Momentan bin ich absolut begeistert. Ich fühle mich hier richtig wohl. Das Wetter ist toll und die Leute sind nett. Vielleicht kann ich kurzfristig nach dem Wave-Gotik-Treffen noch ein paar andere Festivals spielen, das wäre toll...

 

GR: Deine vorletzte Scheibe war sehr rockig. Was hat sich bei The Heraldic Universe Deiner Meinung nach stilistisch verändert?

 

G: Das neue Material ist noch politischer und experimenteller. Auch haben wir diesmal Elektronic-Elemente verwendet. Das wichtigste Instrument meinen Sound zu gestalten ist meine Stimme. Außerdem bin ich ein Songschreiber mit Leib und Seele. Ich liebe es zu arrangieren. Auch mag ich es sehr, meinen Songs ein etwas glamouröses Outfit zu verpassen. Den Sound den ich dabei kreiert habe nenne ich \"Glambient\".

 

GR: Kannst Du Dich noch erinnern wann Du Dich das erstemal als Sänger versucht hast?

 

G: Oh, damals hatte ich wohl gerade erst laufen gelernt... Auch wenn meine Eltern mir immer davon abgeraten haben, wusste ich stets was ich wirklich wollte.

 

GR: Ist in nächster Zeit mit einer Deutschlandtour zu rechnen?

 

G: Ich hoffe, auf diesem Festival hier genügend Kontakte zu knüpfen, um so etwas demnächst auf die Beine zu stellen. Ich würde wirklich alles tun und gerne um die ganze Welt reisen, um meine Musik unter die Leute zu bringen! Egal wie viele Leute zu den Shows kommen, ich will einfach spielen. Das Internet ist mir auf diesem Weg auch eine sehr große Hilfe.

 

GR: Was den Veröffentlichungstermin Deiner CD\'s betrifft, so hast Du da eine sehr lustige, einprägsame Lösung gefunden...

 

G: Ja! Jedes meiner Alben erscheint immer genau zu Helloween. Kurz vor der Veröffentlichung bin ich immer wahnsinnig aufgeregt, genau wie die Fans und die Presse in Amerika.

 

GR: So braucht man sich nie Gedanken zu machen, welche Musik man zu Helloween hört, man legt einfach Deine neue Scheibe auf!

 

G: Genau! Niemand wird an diesem Tag diskriminiert, Rasse und Geschlecht sind völlig egal. Alles ist erlaubt und die Luft ist voller Sex und Party. Das ist ein toller Zeitpunkt für eine Albumveröffentlichung!

 

GR: Wie empfindest Du das Deutsche Publikum im Vergleich zu Deinen amerikanischen Fans?

 

G: Die Amerikaner sind im Allgemeinen ernster und smarter. In Europa bekommt diese Art von Musik wohl mehr Beachtung.

 

GR: Möchtest Du noch etwas zu Deinen Texten sagen?

 

G: Die Lyrics sind für mich wahnsinnig wichtig. Eine Reihenfolge beim Texten und Komponieren gibt es eigentlich nicht. Manchmal experimentiere ich zuerst mit der Basslinie, dann bastle ich wieder an anderen Dingen herum, eigentlich ist es immer anders.

Es gibt auch Songs die in einem einzigen Moment komplett entstanden sind, andere wiederum bauen sich erst sehr langsam und in der Entstehungsweise sehr unterschiedlich auf. Es ist immer sehr spannend und spontan.

 

GR: Welcher Song auf dem Album ist Dein absoluter Lieblingssong?

 

G: Oh, das ist ja fast so, als wenn man eine Mutter nach ihrem Lieblingskind fragt. Na gut, wenn ich mich unbedingt festlegen soll, so sind mir textlich My Own God, Sale Your Love To The World oder Shake Me Take Me Make Me besonders ans Herz gewachsen. In letzterem geht es zum Beispiel um die Liebe zur Musik. Wie sie dich schützt und dein Leben schöner macht...

 

GR: Wenn man sich Deine Songs ansieht, entdeckt man einen ambitionierten, sensiblen und lebenshungrigen Menschen, der seine Umwelt sehr aufmerksam beobachtet und analysiert. Was hältst Du persönlich für das größte Übel und den größten Vorzug der menschlichen Natur?

 

G: Das größte Übel ist, in welchem Maß der Mensch von der Regierung, von der Religion oder sogar den eigenen Eltern und anderen Instanzen unterdrückt, gelenkt und programmiert wird.

Die Menschen sollten sich selber mehr lieben und aktiv herausfinden dürfen wer sie eigentlich wirklich sind. Geistig und emotional. Vorzüge hat der Mensch natürlich auch eine ganze Menge: zum Beispiel einen freien Willen, Intellekt, Instinkte. Ein Fisch oder ein Bär, die können nur fressen uns sich fortpflanzen, wir Menschen können unser Gehirn logisch einsetzen.

 

GR: Was macht Dir ganz pauschal Mut und was macht dir Angst, wenn Du an die Zukunft denkst?

 

G: Ich glaube es ist unglaublich wichtig, sich ständig selber zu motivieren, positiv zu denken. Was mir Angst macht ist die systematische Zerstörung unseres Planeten. Es gibt kaum noch unberührte Natur, alles ist industrialisiert, verdreckt und gnadenlos ausgebeutet.

 

GR: Könntest du für einen Tag lang über die ganze Welt bestimmen und neue Gesetze erlassen, welche in ihrer Gültigkeit auch für die nächsten Jahrzehnte unantastbar wären,- was hätte Priorität?

 

G: In solch einer Situation würde ich sehr gerne jedem Menschen die Möglichkeit geben, ohne Einschränkungen selber über sein Leben zu bestimmen. In Amerika hat zwar angeblich jeder Bürger die Möglichkeit zu sagen und zu tun was er möchte, aber nur sehr wenige machen von diesem Recht Gebrauch. Natürlich dürfte niemandem dabei geschadet werden.

 

GR: Stell Dir vor Du hättest nur noch 24 Stunden zu leben und wüsstest es vorher. Wie würdest Du diese Zeit am liebsten verbringen?

 

G: Ich würde gerne noch schnell soviel Musik machen wie ich kann, bis zur letzten Minute. Allerdings lebe ich ständig mit dem Wissen, dass jeder Tag der letzte Tag sein könnte. Danach versuche ich zu leben. Intensiv und extrem.

 

GR: Hättest Du die Möglichkeit eine Frage betreffs Deiner eigenen Zukunft heute beantwortet zu bekommen,- was würdest Du gerne wissen?

 

G: Da gibt es mehrere Dinge... Andererseits macht es das Leben ja gerade so spannend, dass man niemals vorher weiß was passieren wird. Das sollte vielleicht auch so bleiben. Früher war ich sehr ungeduldig, aber heute bin ich gelassener und lasse die Dinge auf mich zukommen.

 

GR: Wenn Du mal 10 - 20 Jahre vorausschaust,- gibt es da irgend etwas (abseits der Musik) was Du in Deinem Leben unbedingt noch realisieren, erleben oder lernen möchtest? Willst Du dann immer noch ein so schillernder Paradiesvogel sein?

 

G: Ich stelle mir mein späteres Leben eigentlich eher unkompliziert und einfach vor. Jetzt lebe ich recht extrem und wild, (manchmal fast kurz vorm Wahnsinn, denn Musik zu kreieren ist verdammt anstrengend) so dass ich es mir später einfach leisten möchte, mich an den kleineren Dingen des Lebens zu erfreuen, wenn ich mich ausgetobt habe. Ich werde dann alles ruhiger angehen.

 

GR: Könntest Du irgendetwas aus Deiner Vergangenheit hier und heute völlig ungeschehen machen, was wäre das?

 

G: Ich denke, man muss in seinem Leben viele verschiedene Erfahrungen machen. Jeder lernt seine Lektion und das ist gut so. Das Universum hat seine eigenen Pläne.

 

GR: Wie lautet die wichtigste Philosophie oder Richtlinie nach der Du ständig lebst?

 

G: Folge Deinem Herzen und Deiner Eingebung und sei ehrlich zu Dir selbst!


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